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Akupunktur bei Spannungskopfschmerzen: Was Cochrane sagt

Dumpf, drückend, wie ein zu enges Band um den Kopf: Spannungskopfschmerz ist etwas anderes als Migräne – und die Akupunktur-Evidenz dafür gehört zu den besseren im Feld. Ein nüchterner Blick auf das, was die Cochrane-Auswertung wirklich zeigt.

Nahaufnahme feiner Akupunkturnadeln im Nacken- und Schläfenbereich einer entspannt auf einer Liege ruhenden Person, warmes gedämpftes Licht in einer ruhigen Praxis

Spannungskopfschmerz ist der häufigste Kopfschmerz überhaupt – und wird trotzdem oft mit Migräne in einen Topf geworfen. Dabei sind es zwei verschiedene Beschwerdebilder, die auch unterschiedlich behandelt werden. Wer wissen will, ob Akupunktur gegen den dumpfen Druck im Kopf hilft und wie oft man dafür gehen sollte, findet online meist vage Versprechen. Dieser Beitrag ordnet stattdessen ein, was die unabhängige Cochrane-Auswertung tatsächlich zeigt – mit Zahlen, ehrlich und ohne Heilsversprechen.

01Spannungskopfschmerz oder Migräne?

Bevor es um die Nadeln geht, lohnt der Blick auf die Unterscheidung – denn sie entscheidet über die ganze Behandlung. Der Spannungskopfschmerz fühlt sich typischerweise dumpf und drückend an, wie ein zu enges Band oder ein sanfter Schraubstock rund um den Kopf. Er tritt meist beidseitig auf, ist leicht bis mittelstark und wird durch normale Alltagsbewegung nicht schlimmer. Übelkeit, Erbrechen oder eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Licht und Lärm fehlen in der Regel. Häufig steckt eine muskuläre Verspannung im Nacken- und Schulterbereich dahinter.

Die Migräne dagegen ist anders gestrickt: Sie pocht oder pulsiert, tritt oft einseitig auf, ist mittel bis stark und verschlechtert sich bei körperlicher Aktivität. Dazu kommen häufig Übelkeit und eine deutliche Reizempfindlichkeit, manchmal eine Aura mit Sehstörungen. Diese Unterschiede sind kein Detail: Sie erklären, warum die Behandlung nicht dieselbe ist. Wie viele Sitzungen bei Migräne sinnvoll sind und wie deren Vorbeugung abläuft, beschreiben wir im eigenen Beitrag zu Akupunktur bei Migräne und der nötigen Sitzungszahl.

MerkmalSpannungskopfschmerzMigräne
Schmerzcharakterdumpf, drückend, ziehendpochend, pulsierend
Lagemeist beidseitig, "Band" um den Kopfoft einseitig
Stärkeleicht bis mittelmittel bis stark
Bei Bewegungbleibt unverändertverschlimmert sich
BegleitsymptomeseltenÜbelkeit, Licht-/Lärmempfindlichkeit, evtl. Aura

Für die Akupunktur heisst das: Beim Spannungskopfschmerz zielt sie stark auf die muskuläre Komponente – die verspannten Nacken-, Schulter- und teils Kaumuskeln. Bei der Migräne steht dagegen eher die neurologisch-gefässbezogene Vorbeugung im Vordergrund. Wer unter Kopfschmerzen leidet, die spürbar vom verspannten Nacken ausstrahlen, findet zu diesem Zusammenhang mehr in unserem Text zu Akupunktur bei Nackenschmerzen und den HWS-Studien.

Kurzprofil. Spannungskopfschmerz ist der häufigste Kopfschmerztyp. Für die vorbeugende Akupunktur zählt er zu den vergleichsweise gut untersuchten Anwendungen: Mehrere Studien deuten auf einen moderaten Nutzen hin, und die echte Behandlung übertrifft die Scheinnadelung knapp. Behandelt wird als Serie über rund acht Wochen – nicht als Akutmittel gegen den einzelnen Schmerz.

02Hilft Akupunktur? Was Cochrane zeigt

Die verlässlichste Antwort liefert eine Cochrane-Übersicht aus dem Jahr 2016, die zwölf Studien mit insgesamt 2349 Erwachsenen auswertete. Zwei Vergleiche sind dabei besonders aufschlussreich – und sie fallen erstaunlich klar aus.

Gegenüber der üblichen Versorgung (Schmerzmittel bei Bedarf, aber keine vorbeugende Behandlung) schnitt Akupunktur deutlich besser ab: In den beiden grossen Studien halbierte sich die Zahl der Kopfschmerztage bei rund 48 von 100 Behandelten – gegenüber nur etwa 17 von 100 ohne Akupunktur. Und, für die Bewertung entscheidend: Auch im Vergleich mit einer Scheinakupunktur (Nadeln an nicht anerkannten Stellen) blieb ein Vorteil bestehen. Hier halbierte sich die Kopfschmerzhäufigkeit bei etwa 52 von 100 gegenüber 43 von 100 in der Scheingruppe – ein statistisch belastbarer, aber kleiner Unterschied bei moderater Aussagekraft.

52 : 43von 100 halbierten ihre Kopfschmerztage: echte vs. Scheinakupunktur (Cochrane 2016)
2349Erwachsene in 12 ausgewerteten Studien
~6 Mte.Zeitraum, über den der Nutzen nach der Serie messbar blieb

Damit gehört der Spannungskopfschmerz zu den Anwendungen, bei denen die echte Akupunktur die Scheinbehandlung überhaupt übertrifft – das ist bei vielen Beschwerden nicht der Fall. Ehrlich bleibt aber die Kehrseite: Der Abstand zur Scheinnadelung ist klein, ein grosser Teil der Wirkung geht auf unspezifische Faktoren wie Erwartung, Zuwendung und das Ritual der Behandlung zurück. Wie belastbar dieser Nadel-Effekt gegenüber einer Scheinbehandlung generell ist und wo die methodischen Grenzen liegen, ordnen wir ausführlich in unserem Beitrag zu der Studienlage rund um Akupunktur ein.

Einordnung. Die Studienlage spricht dafür, dass Akupunktur die Häufigkeit von Spannungskopfschmerzen senken kann – als Vorbeugung, nicht als Sofortmittel gegen den akuten Schmerz. Der Nutzen ist moderat und der Vorsprung gegenüber Scheinakupunktur gering. Als ergänzende Option, besonders bei muskulär geprägten Beschwerden, ist die Evidenz dennoch vergleichsweise solide.

03Wie viele Sitzungen zur Vorbeugung

In den Studien wurde Akupunktur beim Spannungskopfschmerz nicht als einmalige Notfallmassnahme gegeben, sondern als Serie über rund acht Wochen. Üblich waren dabei ein bis zwei Termine pro Woche, was sich über die Behandlungsphase auf rund fünfzehn bis zwanzig Sitzungen summierte. Diese Grössenordnung ist ein realistischer Anhaltspunkt – konkreter als das oft genannte, vage "ein paar Mal", das in vielen Ratgebern steht.

Wichtig ist derselbe Grundgedanke wie bei der Migräne: Akupunktur wirkt hier vorbeugend, nicht als Akutmittel. Ein Effekt zeigt sich über Wochen, nicht nach der ersten Nadel. Sinnvoll ist deshalb ein Kopfschmerz-Tagebuch und eine ehrliche Zwischenbilanz nach etwa der Hälfte der Serie: Wer bis dahin keine Veränderung der Kopfschmerztage bemerkt, für den lohnt sich die Fortsetzung oft nicht – ein Punkt, den eine seriöse Praxis von sich aus anspricht. Wer profitiert, kann die Termine danach in grösseren Abständen fortführen oder nach Monaten auffrischen.

04Welche Punkte genadelt werden

Eine feste Punktvorschrift gibt es nicht; die Auswahl richtet sich nach Beschwerdebild und Untersuchung. Bei Kopfschmerzen kommen jedoch einige Punkte besonders häufig zum Einsatz:

  • Fengchi (Gb 20) am hinteren Haaransatz, seitlich des Nackens – ein Schlüsselpunkt bei Kopf- und Nackenbeschwerden.
  • Taiyang an der Schläfe und Yintang zwischen den Augenbrauen – die klassischen lokalen Punkte im Gesichts- und Stirnbereich.
  • Baihui (Du 20) am höchsten Punkt des Kopfes.
  • Hegu (Di 4) auf dem Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger – ein bewährter Fernpunkt bei Schmerzen im Kopfbereich.
  • Lokale Ashi-Punkte: druckschmerzhafte, verspannte Stellen direkt in der Nacken-, Schulter- und Kaumuskulatur.

Gerade die lokalen, muskulären Punkte machen den Unterschied zum Migräne-Ansatz aus: Beim Spannungskopfschmerz steht die verspannte Muskulatur im Zentrum. Diese Nähe zur Muskelbehandlung erklärt auch, warum hier oft die Frage nach dem Unterschied zwischen Dry Needling und Akupunktur aufkommt. Wer nachts mit den Zähnen knirscht oder unter Kieferverspannung leidet, bei dem können zusätzlich die Kaumuskeln beteiligt sein – dazu mehr in unserem Beitrag zu Akupunktur bei Kieferschmerzen und CMD.

05Wirkdauer, Sicherheit und wann zum Arzt

Wie lange hält die Wirkung an? In den Studien blieb der Nutzen nach dem Ende der Behandlungsserie noch über Monate messbar – in einer grossen, methodisch guten Untersuchung war der Effekt auch nach rund sechs Monaten noch nachweisbar, klang danach aber allmählich ab. Genau deshalb setzen viele Praxen auf gelegentliche Auffrischungssitzungen, statt endlos weiterzubehandeln.

Von einer geschulten Fachperson mit sterilen Einwegnadeln durchgeführt, gilt Akupunktur als risikoarm. Die häufigsten Begleiterscheinungen sind harmlos: kleine blaue Flecken, eine leichte Blutung an der Einstichstelle, kurzer Schwindel oder eine vorübergehende Müdigkeit nach der Sitzung. In den ausgewerteten Studien unterschied sich die Zahl der Nebenwirkungen zwischen echter und Scheinakupunktur nicht.

Wichtig. Akupunktur ist kein Ersatz für eine ärztliche Abklärung und dient nicht der Heilung von Krankheiten. Ärztlich abgeklärt gehören insbesondere: ein plötzlicher, heftiger "Donnerschlag"-Kopfschmerz, Kopfschmerz nach einem Sturz oder Schlag auf den Kopf, Kopfschmerz mit Fieber, Nackensteife, Sehstörungen oder Lähmungen, ein neu auftretender Kopfschmerz nach dem 50. Lebensjahr sowie ein Muster, das sich rasch verschlechtert. In Notfällen gilt die Notrufnummer 144.

Unter dem Strich: Beim Spannungskopfschmerz darf man von Akupunktur eine realistische Chance auf spürbar weniger Kopfschmerztage erwarten – die Evidenz dafür gehört zu den besseren im Feld. Was sie nicht ist: ein Sofortmittel gegen den akuten Druck im Kopf. Eine überschaubare Serie über rund acht Wochen, begleitet von einem Kopfschmerz-Tagebuch und in Absprache mit der behandelnden Ärztin, ist der vernünftigste Weg, den eigenen Nutzen herauszufinden.

Häufige Fragen

Hilft Akupunktur gegen Spannungskopfschmerzen?

Die Cochrane-Auswertung von 2016 deutet auf einen moderaten Nutzen hin: Gegenüber üblicher Versorgung halbierte sich die Zahl der Kopfschmerztage bei rund 48 von 100 Behandelten, gegenüber 17 von 100 ohne Akupunktur. Auch gegenüber einer Scheinbehandlung blieb ein kleiner Vorteil bestehen. Akupunktur kann die Häufigkeit also senken, wirkt aber vorbeugend und nicht als Sofortmittel gegen den akuten Schmerz.

Worin unterscheidet sich die Behandlung von Migräne?

Spannungskopfschmerz ist dumpf-drückend, meist beidseitig und oft muskulär geprägt; die Akupunktur zielt entsprechend stark auf verspannte Nacken- und Schultermuskeln. Migräne ist eher einseitig-pochend mit Übelkeit und Reizempfindlichkeit; hier steht die neurologisch-gefässbezogene Vorbeugung im Vordergrund. Punktauswahl und Schwerpunkt der Behandlung unterscheiden sich deshalb.

Wie viele Sitzungen sind zur Vorbeugung nötig?

In den Studien wurde Akupunktur als Serie über rund acht Wochen gegeben, meist ein- bis zweimal pro Woche und damit in Summe oft etwa fünfzehn bis zwanzig Sitzungen. Sinnvoll ist eine Zwischenbilanz nach der Hälfte anhand eines Kopfschmerz-Tagebuchs. Zeigt sich bis dahin keine Veränderung, ist eine Fortsetzung meist wenig sinnvoll.

Welche Akupunkturpunkte werden bei Kopfschmerzen genadelt?

Häufig genadelt werden Fengchi (Gb 20) am Nacken, Taiyang an der Schläfe, Yintang zwischen den Augenbrauen, Baihui (Du 20) am Scheitel sowie Hegu (Di 4) an der Hand. Dazu kommen lokale Ashi-Punkte in der verspannten Nacken-, Schulter- und Kaumuskulatur. Eine feste Vorschrift gibt es nicht, die Auswahl richtet sich nach der individuellen Untersuchung.

Wie lange hält die Wirkung an?

In den Studien blieb der Nutzen nach dem Ende der Serie über mehrere Monate messbar; in einer grossen, methodisch guten Untersuchung war er auch nach rund sechs Monaten noch nachweisbar und klang danach allmählich ab. Viele Praxen setzen deshalb auf gelegentliche Auffrischungssitzungen, um einen erreichten Effekt zu erhalten.

Quellen

  1. Linde K, Allais G, Brinkhaus B, et al. Acupuncture for the prevention of tension-type headache. Cochrane Database Syst Rev. 2016;(4):CD007587. doi:10.1002/14651858.CD007587.pub2
  2. Linde K, Allais G, Brinkhaus B, et al. Acupuncture for the prevention of episodic migraine. Cochrane Database Syst Rev. 2016;(6):CD001218. doi:10.1002/14651858.CD001218.pub3
  3. Vickers AJ, Vertosick EA, Lewith G, et al. Acupuncture for Chronic Pain: Update of an Individual Patient Data Meta-Analysis. J Pain. 2018;19(5):455–474. doi:10.1016/j.jpain.2017.11.005
  4. National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH). Acupuncture: Effectiveness and Safety. Bethesda, MD; sowie: WHO benchmarks for the practice of acupuncture. Genf: Weltgesundheitsorganisation; 2020.